Wiesen – natürlich!

Der Rasen, er ist eine optische Ruheinsel. Eine Ruheinsel, die einer farbenfrohen und formenreichen Gartenkomposition oft die entscheidende letzte Dramatik gibt. Hier kann das Auge des Betrachters still werden. Es kann sich erholen von botanischer Vielfalt, von blühender Üppigkeit, von reizvollem Farbspiel. Der Rasen hat eine hochwillkommene Pausenfunktion im Garten.

Leider haben diese meditativen grünen Flächen kaum einen ökologischen Wert. Zudem ist eine intensive Pflege notwendig, will man sie in einem akzeptablem Zustand halten, der sich dem berühmten englischen Rasen auch nur ein wenig annähert. Rasenflächen gehören zu den pflegeintensivsten Bereichen im Garten.

Ganz anders die Wiese. Sie ist der Kontrapunkt zum Rasen.

Ein Rasen – und das ist ja gerade seine Stärke – sieht immer gleich aus. Die Wiese verändert ihr Erscheinungsbild permanent. Über das Jahr hinweg wechseln Farben und Formen ständig, über die Jahre ändert sich die Zusammensetzung der sie besiedelnden Arten. Eine Wiese ist ein wunderbarer Mikrokosmos: nachhaltig, dynamisch, lebendig, aufregend.

Aber bei all der Dynamik trägt auch sie eine Form der Stille in sich, die Marie-Luise Kreuter als „summendes Schweigen“ bezeichnet: Hier wogt und raschelt es, hier summt, brummt und zirpt es. Eine Wiese konzertiert ihre ganz eigene Geräuschkulisse: Laute Stille.

Wiesen bieten vielen Tieren Schutz und Nahrung. Daher sind sie geradezu ein Muss in einem naturnah angelegten Garten. Verbunden damit ist leider auch das unausgesprochene, aber fast körperlich spürbare „Betreten verboten“, das wie ein Schutzschild über diesen Flächen hängt. Nur dadurch kann die Wiese wirklich zu einem Areal für Tiere heranwachsen.

 

Diesem den Menschen zunächst ausgrenzenden Umstand verdanken wir eines der schönsten Gestaltungselemente im Garten: den gemähten Pfad durch die Wiese – manchmal von großzügiger Breite, manchmal ganz schmal und eng, sodass wir beim Gehen an den überhängenden Gräsern vorbeistreichen: „A path mown through long grass is one of the most romantic garden features.“ Noel Kingsbury hat ja so recht.

Fortsetzung folgt …

Literatur:
Marie-Luise Kreuter, Der Biogarten
Noel Kingsbury, Natural Garden Style

 

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Gartenglück im Feuilleton

„Das Glück ist grün“ – Über die neue deutsche Gartenlust (ZEIT, 24. Mai 2012)

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Wilde Lupinen

Zunächst war da nur eine. Sie war blau. Wuchs einfach irgendwo. Wir fanden sie hübsch und pflanzten sie um. An ein Plätzchen, wo sie uns besser gefiel und wo sie sich ausbreiten konnte, wenn sie wollte. Sie wollte. Und wie.

Jetzt gibt es Bereiche in unseren wilden Wiesen, die übersät sind mit Lupinen. Inmitten all der wogenden Gräser sind die eleganten lanzettenartigen Teilblättchen und die imposanten blauen Blütendolden ein echter Hingucker.

Lupinen begeistern mich schon im frühen Frühjahr, wenn sich die zarten handförmigen – ja, es heißt tatsächlich so – Blätter durch das erste Wiesengrün hindurchschmeicheln. Und es vergeht kein Tag, an dem meine Faszination nicht weiter wächst. Manchmal stehen die einzelnen Blättchen wie in einer Krone zueinander. Dann wieder legen die Blätter sich fächerartig übereinander und bilden eine Art Schutzschild. Was sie wohl beschützen?

Die Blütendolden, die zunächst ganz unscheinbar unter den Blättern stehen und sich dann geradezu explosionsartig emporrecken?

 Bis zu 50 cm Höhe können diese majestätischen Blüten erreichen.

Die Gattung, die Arten
 und ihr Vorkommen

Die Lupine gehört innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae oder Leguminosae) zur Unterfamilie der Schmetterlingsblütler (Faboideae).

Sie wird in zwei Untergattungen gegliedert: Lupinus platycarpos und Lupinus. Der Subgenus Platycarpos hat flache Hülsenfrüchte und ist ursprünglich auf dem amerikanischen Kontinent beheimatet (südliches und westliches Nordamerika). Die Hülsenfrüchte des Subgenus Lupinus sind hingegen nicht flach und die Pflanzen kommen im Mittelmeerraum und in Afrika vor.

Insgesamt gibt es nach Hughes über 280 Arten, die Taxonomie ist ausgesprochen vielfältig. Der Subgattung Platycarpos werden ca. 270 Arten zugerechnet, der Untergattung Lupinus elf.

Wir beherbergen im unserem wilden Garten die hierzulande am häufigsten vorkommende Lupinus polyphyllus, die Vielblättrige Lupine aus der Subgattung Platicarpos. Es ist die klassische Bauerngarten-Lupine. Unsere war eines Tages einfach da.

Botanische Beschreibung


Lupinus polyphyllus ist eine mehrjährige Staude und kann bis 120 cm hoch werden, wobei alleine die Blütendolde bis zu 50 cm der Höhe ausmacht. Sie blüht von Juni bis September. Bei uns startete die Blühsaison in diesem Jahr sogar schon im Mai. Die Blätter der Vielblättrigen Lupine sind in neun bis 17 lanzettlich-spitze Blättchen unterteilt. Die Behaarung ist anliegend. Die Blüten sind meist blau, selten weiß. Sie riechen leicht pfeffrig. Böschungen und Lichtungen werden von den Pflanzen bevorzugt.

Die nachhaltigsten Züchtungen innerhalb der Lupinus polyphyllus sind die nach ihrem Züchter benannten Russel-Hybriden. Diese bieten eine große Farbpalette für das Staudenbeet. Allerdings sind sie meist kurzlebig. Nach ungefähr fünf Jahren verlieren sie ihre Kraft. Die Lupine wird gerne über Stecklinge vermehrt oder einfach mit Samen in die Erde gebracht. Wer sich für weitere botanische Details oder die bunte Vielfalt der ausdrucksstarken Russel-Hybriden und andere Züchtungen interessiert, der sei verwiesen an: Stauden. Die große Encyclopädie der Royal Horticultural Society.

Während der Wachtumsphase sind die Pflanzen empfindlich gegenüber Trockenheit. Das konnten wir im vergangenen Jahr erleben: Kaum eine unserer Lupinen kam nach dem extrem niederschlagsarmen Frühjahr zur Blüte, da wir unsere Wiesen nicht bewässern.

Mehrwert

In unseren Gärten ist die Lupine beliebt, als Wildblume an sonnigen Wiesenhängen ist sie nicht wegzudenken. Darüber hinaus kommt sie aber auch in der Landwirtschaft als Gründünger zum Einsatz. Denn Lupinen reichern den Boden mit Stickstoff an. Dies geschieht durch eine symbiotische Verbindung mit stickstoffbindenden Knöllchenbakterien an den Wurzeln. Zudem verbessert die Pflanze mit eben diesen sehr kräftigen Wurzeln den Boden für Folgekulturen. Auch als Nahrungsmittel werden Lupinen vermehrt genutzt.

Unser kleines Schätzchen

Ein Kleinod in unserer botanischen Sammlung ist eine Lupinus arboreus. Ursprünglich stammt dieser Lupinenbusch aus Kalifornien.

Dort ist er natürlicher Teil der Strauchvegetation der Küsten und Sanddünen und kann in geschützten Lagen bis zu 2 Meter hoch werden – daher auch der Name Baumlupine. Normalerweise erreicht diese Staude jedoch eher eine Höhe von 1 bis 1,5 Metern. Die Blätter sind grüngrau und in fünf bis zwölf Teilblättchen aufgefächert. In der Regel blüht die Baumlupine gelb, aber auch lilane Formen sind bekannt.

Leider toleriert diese Lupinenart im Winter nur Temperaturen bis minus 12 Grad und Schnee kann sie gar nicht leiden. Wir haben unsere im Topf lebende Baumlupine der kleinen Gärtnerei des wunderbaren Gartens von Cothay Manor zu verdanken.

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Gelb-blau

Rapsblüte auf dem Feld. Norddeutschland gelb-blau.

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Klare Kante

Das ist so eine Sache mit mir und der Rasenkante. Jahrelang war ich eine Verächterin derselben. Sie schien mir der Inbegriff gärtnerischer Spießigkeit. In meinem Kopf stand sie synonym für abgezirkelte, prämorbide Vorgärten.

Ich gebe zu: Das hat sich geändert.

Total.

Ich bin seit einigen Monaten sogar stolze Besitzerin eines wunderbaren Rasenkantenstechers von Burgeon and Ball. Und was soll ich sagen: Ich liebe dieses Gartengerät. Und seine Auswirkungen. Seitdem ist in unseren wilden Garten Struktur eingezogen. Struktur, die Wildheit unterstreicht. Struktur, die Halt gibt. Struktur, die kraftvollere Gartenbilder malt.

Zugegeben das ist nicht neu. Ich habe einfach nur etwas gebraucht, um das zu verstehen. Wildheit als Konzept braucht eben auch seine Grenzen.

Rasengrenzen.

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Bambus im Norden – Beige ist das neue Grün

Wer zurzeit auf Norddeutschlands Straßen unterwegs ist und interessiert in den einen oder anderen anliegenden Garten schaut, dessen Blick bleibt nicht selten an ungewohnt beigen Blattmassen hängen.

Für viele Bambuspflanzen, insbesondere der Gattungen Indocalamus, Phyllostachys, PseudosasaSasa und Semiarundinaria, waren Wintersonne und Temperaturen unter minus 20 Grad im Februar einfach zu heftig. Anstatt sich – wie sonst im März/April – an frischem Grün im noch kaum beblätterten Garten zu erfreuen, entdecken Bambusfreunde in diesem Frühjahr ihre Liebe zu Beige als Farbakzent im Garten. Der Trost: Es grünt in den allermeisten Fällen ja wieder durch. Fans des klassischen Gartenbambus der Gattung Fargesia (besonders Fargesia murielae, Fargesia Spez. Jiuzhaigou, Fargesia denudata ‚Lancaster’) hingegen haben weit weniger Grund zur Klage. Zumindest die Arten und Sorten, die ihre Blätter durch Einrollen vor zu großer Verdunstung schützen, sind größtenteils grün durch den Winter gekommen.

Auch in unserem wilden Garten setzt die Farbe Beige in diesen Wochen einen starken Akzent, denn Bambus ist hier eine wichtige Strukturpflanze. Das mit der Struktur klappt mit beigen Blättern ja noch ganz gut. Aber spätestens, wenn sie zu Boden gefallen sind und man nur noch auf Halmskelette blickt, kommen einem schon leise Zweifel, ob die Idee mit dem Riesengras als wichtigem Gartenelement so gut war … Wie kam es überhaupt zu dieser Entscheidung?

Gesucht wurde eine immergrüne Pflanze, die schnell Vertikalen in einen Bereich des Gartens zaubert, in dem kein Baum oder größerer Strauch stand. Auf klassische Koniferenlösungen wollten wir nur sehr dosiert zurückgreifen, da es bereits einen erhaltenswerten Altbestand an Lebensbäumen (Thuja) und Scheinzypressen (Chamaecyparis lawsoniana) gibt. Welches Grün entspricht aber sonst noch diesem Anforderungsprofil? Wir hatten sofort das Bild von Bambus im Kopf. Die Bestände im Botanischen Garten in Hamburg Klein Flottbek oder im Arboretum Ellerhoop-Thiensen machten uns Mut, es mit dem Riesengras auch bei uns im Norden der Lüneburger Heide zu versuchen. Die filigrane und gleichzeitig majestätische Schönheit eines Bambushains oder einer Solitärpflanze ist einmalig und verleiht dem Garten eine ganz besondere Stimmung. Kurz und gut: Eine Leidenschaft war geweckt!

Bei der Auswahl der ersten Pflanzen standen die Aspekte Robustheit und Winterhärte im Mittelpunkt. Fargesia murielae ‚Simba’ und ‚Standing Stone’ sowie Phyllostachys bissetii zogen bei uns ein und entwickelten sich prächtig. So wurden wir schnell mutiger und experimentierten mit sensibleren Arten und Sorten bis hin zu Borinda albocera und Chusquea culeou – wohlweislich in Kübeln. Die vergangenen drei Winter stellten unser Experiment dann auf die Probe. Massive Schutzmaßnahmen (Unmengen an Strohballen, Schilfmatten, Styroporisolierung und Vlies) verhinderten in den Wintern 2009/10 und 2010/11 schmerzhafte Verluste, aber in diesem Jahr reichte auch das nicht aus: Bei allen Phyllostachys – selbst bei den Hartgesottenen wie bissetii und aureosulcata – dominiert die Farbe Beige statt Grün. Bei anderen sind bereits alle Blätter gefallen. Auch der oberirdische Totalschaden von einigen Exemplaren wie Phyllostachys aurea oder Phyllostachys nigra ‚Megurochiku’ ist nicht auszuschließen. Die empfindlichen Topfkandidaten waren mit Petroleumofen im Kalthaus klar im Vorteil.

Nun heißt es in diesem Frühjahr erst einmal Wunden lecken und auf den unbändigen Überlebensdrang der Pflanzen zu setzen. Denn natürlich ist die Bambusleidenschaft auch durch minus 24 Grad nicht abzukühlen. Und wer weiß, ob nicht doch bald wieder eine Serie milder Winter das Entstehen großer Haine begünstigt, deren Halme in den Himmel ragen. Wir werden weiter berichten.

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Funkenflug

Osterfeuer sind eine alte Tradition – besonders hier in Norddeutschland. Ursprünglich diente dieser alte Brauch wohl zur Vertreibung des Winters. Heute erfreuen sich viele ganz ohne tradierte Hintergedanken an den volksfestähnlichen Brennspektakeln.

Für uns Gärtner ist die Erlaubnis zum Verbrennen von Baum- und Strauchschnitt ein echter Segen. Nicht selten kommen in großen Gärten Feuer von mehreren Metern Durchmesser und Höhe zustande. Über Monate wird das Holz gesammelt und aufgeschichtet. Ein willkommener Schutz für viele kleine Tiere. Daher muss man sich als verantwortungsbewusster Osterfeuerer damit abfinden, dass der ganze Stapel kurz vor dem Entzünden noch einmal umzuschichten ist. Echt mühsam, aber notwendig!

Doch dann folgt die Belohnung: Das Sitzen um das österliche Feuer hat einfach jedes Jahr aufs Neue etwas zutiefst Magisches …

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Was Gärten über eine Kultur sagen

Gärtnern ist Trend. Auch in Deutschland. Ein bestechendes Essay dazu gibt es im aktuellen ZEIT Magazin. Interessanterweise in der Rubrik Design. Viel Spaß beim Lesen!

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Gone wild

Die Idee wilder Gärten ist nicht neu. Schon im vorvergangenen Jahrhundert hat sich William Robinson dem Konzept des Wild Gardens verschrieben. Was also liegt da näher als sich in diesem Blog mit seiner Biographie und seinem bekannten Werk  The Wild Garden  (1870) ein wenig näher zu befassen?

Zumal The Wild Garden erst 2009 wieder in einer Neuauflage erschienen ist – eine deutlich erweiterte Version, die mehrere Kapitel des Fotografen und Gräser-Experten Rick Darke (Autor der Enzyklopädie der Gräser – sehr empfehlenswert!) enthält. Ein Buch also, das schon über 140 Jahre alt ist – und das heute zeitgemäßer denn je erscheint.

Doch zunächst zu William. Wer war der Kerl? Sein Biograph Richard Bisgrove (William Robinson, The Wild Gardener) fasst sein Leben kurz und knapp zusammen: „William Robinson (1838–1935) began his horticultural career as a garden boy in Ireland and ended it as the owner of over a thousand acres in Sussex.“ Mit dem Besitz in Sussex ist das berühmte Gravetye Manor gemeint, heute ein Hotel, das seinen Garten ganz im Sinne des Wild Gardeners pflegt. In den Gärten von Gravetye Manor hat der Journalist und Herausgeber mehrerer Gartenmagazine seine Idee des Gärtnerns in die Realität umgesetzt. Das Besondere daran ist, dass zwischen dem Erwerb von Gravetye Manor und dem Buch 15 Jahre liegen – und zwar in umgekehrter Reihenfolge: Erst das Buch, dann 1885 Haus und Garten!

Als Robinson Gravetye Manor kaufte, war er längst berühmt. Er hatte durch The Wild Garden Ansehen und Bekanntheit erreicht und sein Gartenmagazin Garden war bestens etabliert. Den größten Erfolg erzielte Robinson 1883 mit dem Buch The English Flower Garden. Dieses festigte seinen Ruf als bekanntester Gärtner seiner Zeit. Nach wie vor ist dieser Klassiker der Gartenliteratur in den Regalen der einschlägigen Buchhandlungen zu finden, die aktuelle Auflage ist von 1998.

Wie aber lautete nun die Grundidee von Robinson? Seine Mission war klar: Es ging ihm darum, den vorherrschenden Gartenstil der Victorianischen Zeit radikal zu bekämpfen. Er sprach sich – absolut redegewandt und oft sehr streitbar – dagegen aus, Beete mit in Gewächshäusern vorgezogenen (meist tropischen) Pflänzchen ab dem Frühjahr nach bestimmten geometrischen Formen zu bepflanzen. Im Gegensatz dazu propagierte er die damals völlig antiquierte und heute wieder beliebte Mixed Border aus winterharten Staudenpflanzen und Sträuchern; gleichzeitig sprach er sich für einen natürlicheren Look im Garten aus, schätzte Mehrjährige, Sträucher und Kletterpflanzen und verabscheute nackten Boden im Beet, dem er eine dichte Staudenbepflanzung in natürlich wirkenden Drifts und eine Unterpflanzung mit Bodendeckern entgegensetzte. Seine Idee, winterharte mehrjährige Pflanzen in besagten Drifts einfach in Wiesen, Wälder und an Gewässer zu setzen, das ist, rückblickend betrachtet, die wirklich herausragende Leistung von Robinson. Auch der erhebende Anblick großflächig verwilderter Narzissen und wilder Tulpen in Wiesen und unter Bäumen geht auf Robinson zurück. Pflanzen sich selbst zu überlassen und dem eine eigene Ästhetik abzugewinnen, das war das wirklich „wilde“ an diesem Gartenstil.

Die Ablehnung des Victorianischen beddings einte ihn übrigens mit Gertrude Jekyll. Eine Zeitgenossin und Gärtnerin, die durch ihre Arbeiten den englischen Garten nachhaltig revolutionierte. Heute ist sie dank der zahlreichen von ihr gestalteten Gärten (oft in Zusammenarbeit mit dem bekannten Architekten Edwin Lutjens – eben jener Lutjens, der die heute noch immer geschätzte „Sissinghurst-Bank“ entwarf) viel berühmter als Robinson. Damals war das allerdings anders. Robinson war der bei weitem bekanntere Gärtner, Gertrude Jekyll hingegen Autorin bei Garden und über fünf Jahrzehnte lang Gartenfreundin von Robinson. Soviel an dieser Stelle zur Biographie.

Die entscheidende Frage lautet nun aber, kann Robinsons Idee des Wild Garden Vorbild für unseren wilden Garten sein? Die Antwort lautet definitiv ja und doch auch nein.

Ja, weil Robinsons Ansatz des naturnahen Gärtnerns den verwendeten heimischen und exotischen Pflanzen die eigene Schönheit durch die Jahreszeiten zugesteht und darauf achtet, dass jede Pflanze am richtigen Platz zur perfekten Entfaltung gelangt (Ein gärtnerischer Aspekt, den später Beth Chatto auf den Punkt bringen wird: right plant, right place.).

Ja, weil die Integration von Mehrjährigen und Sträuchern in Gartenabschnitte mit Wiesen und altem Baumbestand erst die wirkliche Schönheit eines Gartens voll zur Geltung kommen lässt und einen harmonischen Übergang zur Umgebung schafft.

Und natürlich nicht zuletzt, weil einer seiner Pflanzenfavoriten Bambus war. Und der spielt hier im „Wild Gardening“ eine ganz besondere Rolle. Aber dazu an anderer Stelle in diesem Blog mehr.

Vieles, was Robinson gedacht, entworfen und gefordert hat, ist heute für Gärtner von Naturgärten absolute Grundlage des Planens und Arbeitens. Aber trotz alledem gibt es für uns leider auch ein Nein.

Nun ja, ein kleines Nein. Das liegt daran, dass Robinson bei der Gartengestaltung in Gravetye Manor mit Tausende(r)n nur so um sich schmiss: Er pflanzte Tausende von Osterglocken, Tausende Tulpen, immer und immer wieder Tausende von anderen Zwiebelpflanzen wie Blausterne und Schneeglöckchen, die die Wälder und Wiesen im Frühling in den leuchtendsten Farben erblühen ließen. Aber auch bei anderen Pflanzungen war er maßlos: 1906/7 pflanzte er 2.000 Gelb-Kiefern. Der Eindruck – nun, gewaltig! Wundervoll! Aber in einen privaten Garten heutzutage meist nicht umzusetzen.

Definitiv also ein Unterschied zu unserem wilden Garten. Das Einzige was wir bisher in Tausenderzahl vorweisen können, sind Disteln, Quecken und andere wilde Süßgräser. Der Rest kommt noch. Hopefully …

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Schneeglöckchen machen glücklich

Eine neue Manie geht um – die Galanthophilie. Zunächst haben sich Menschen in England und in den Niederlanden infiziert. Nun hat es auch die Gärtner in Deutschland erwischt. Schneeglöckchen-Tage liegen aktuell voll im Trend. Hier können Galanthophile – so nennen sich die Schneeglöckchenfans – aus einem großen Angebot wählen und neue Schätze mit nach Hause nehmen. Echte Raritäten erzielen inzwischen Spitzenpreise. Das BBC News Magazine nennt eine unlängst gezahlte Rekordsumme von 360 Englischen Pfund für einen einzelnen Galanthus „Green Tear“.

Was ist es, was das Schneeglöckchen so besonders macht? Dem wollen wir mit unserem ersten Pflanzenporträt auf Wild Gardening nachgehen.

Der Name
In der botanischen Nomenklatur wird das Schneeglöcken Galanthus genannt. Das kommt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus gála – Milch – und anthós – Blüte.

Die Gattung und die Arten
Die Schneeglöckchen bilden eine kleine Pflanzengattung in der Familie der Amaryllisgewächse. Es werden aktuell um die 20 Arten gezählt:

Galanthus alpinusKaukasus-Schneeglöckchen
Galanthus angustifolius – Schmalblättriges Schneeglöckchen
Galanthus cilicius – Cilicisches Schneeglöckchen
Galanthus elwesii Elwes-Schneeglöckchen
Galanthus fosteri – Foster-Schneeglöckchen
Galanthus gracilis – Zierliches Schneeglöckchen

Galanthus ikariae – Ikaria-Schneeglöckchen
Galanthus koenenianus Koenen-Schneeglöckchen
Galanthus krasnovii Krasnov-Schneeglöckchen
Galanthus lagodechianus Lagodechi-Schneeglöckchen
Galanthus nivalis Kleines oder Gewöhnliches Schneeglöckchen
Galanthus peshmenii Peshmen-Scheeglöckchen
Galanthus platyphyllus Breitblättriges Schneeglöckchen
Galanthus plicatus Clusius-Schneeglöckchen oder Faltblatt-Schneeglöckchen
Galanthus reginae-olgae Königin-Olga-Schneeglöckchen
Galanthus rizehensis Rizasee-Schneeglöckchen
Galanthus transcaucasicus Kaspisches Schneeglöckchen oder Transkaukasisches Schneeglöckchen
Galanthus woronowii Woronow-Schneeglöckchen
Manchmal finden auch folgende Arten darüber hinaus Erwähnung:
Galanthus artjuschenkoae
Galanthus trojanus – eine unlängst entdeckte und beschriebene Art in der nord-östlichen Türkei

Vertiefend hierzu für echte Fans: World Checklist of Selected Plant Families der Royal Botanic Gardens of Kew.

Botanische Beschreibung
Das Schneeglöckchen ist eine mehrjährige Zwiebelpflanze. Es gibt die erwähnten Arten und zudem Hunderte von verschiedenen Kultivaren mit nur winzigen Unterschieden bei den Blütenblättern und den grünen Zeichnungen. Wer sich darüber einen Überblick verschaffen möchte, der sei auf die Galanthus-Website verwiesen.

„Aus jeder Zwiebel entwickelt sich eine einzige nickende Blüte an einem überhängenden Blütenstil, die bei manchen sogar duftet. “ (Ian Spence, Gartenpflanzen von A bis Z, Royal Horticultural Society).

Schneeglöckchen benötigen einen durchlässigen, humosen Boden. Am besten, man düngt die Pflänzchen nicht und lässt sie einfach ungestört wachsen. Ideal ist es, Schneeglöckchenpulks alle paar Jahre nach der Blüte zu teilen. Dies gilt besonders, wenn sie schon zu dicht stehen oder aber zu schwach wachsen sollten. Die Tochterzwiebeln werden einfach abgetrennt und an anderer Stelle wieder eingesetzt.

Verbreitung
Galanthus nivalis ist das wohl bekannteste Schneeglöckchen. Sein Vorkommen reicht von Frankreich über Deutschland bis nach Polen, Italien, Nordgriechenland, die Ukraine und in den europäischen Teil der Türkei. Zudem ist es in England weit verbreitet. Die meisten anderen Arten kommen aus dem östlichen mediterranen Raum, einige aus dem südlichen Russland, Georgien und Aserbaidschan.

Wildes Durcheinander
Das Schneeglöckchen ist die ideale Pflanze für einen wilden Garten. Hat man viele davon, dann empfängt ein wogendes, weißes Blütenmeer den Frühling. Was für ein erhebender Anblick! Die Wildheit des Schneeglöckchens liegt darin begründet, dass sich die Arten, wenn sie sich zu nahe kommen, gerne untereinander kreuzen. Denn sie breiten sich nicht nur durch Teilung, sondern auch durch Selbstaussaat aus. Das erklärt die große Zahl an verschiedenen Kultivaren. Wildes Kreuzen ist für Galanthofreaks eine echte Bedrohung – es gefährdet schließlich die Sortenreinheit ihrer Lieblinge. Aber es gibt auch zahlreiche Gärtner, die die Vielzahl von wild gekreuzten Schönheiten einfach nur glücklich macht.

Schneeglöckchen-Tage in Deutschland
Hier die bekanntesten Events:

Der berühmteste Schneeglöckchen-Garten
Der liegt natürlich in England: Colesbourne Park in Gloucestershire. Hier ist auch die Wirkungsstätte von Dr. John Grimshaw, der 2002 zusammen mit Matt Bishop und Aaron Davies das Standardwerk „Snowdrops: A Monograph of Cultivated Galanthus“ herausgegeben hat.

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