Gone wild

Die Idee wilder Gärten ist nicht neu. Schon im vorvergangenen Jahrhundert hat sich William Robinson dem Konzept des Wild Gardens verschrieben. Was also liegt da näher als sich in diesem Blog mit seiner Biographie und seinem bekannten Werk  The Wild Garden  (1870) ein wenig näher zu befassen?

Zumal The Wild Garden erst 2009 wieder in einer Neuauflage erschienen ist – eine deutlich erweiterte Version, die mehrere Kapitel des Fotografen und Gräser-Experten Rick Darke (Autor der Enzyklopädie der Gräser – sehr empfehlenswert!) enthält. Ein Buch also, das schon über 140 Jahre alt ist – und das heute zeitgemäßer denn je erscheint.

Doch zunächst zu William. Wer war der Kerl? Sein Biograph Richard Bisgrove (William Robinson, The Wild Gardener) fasst sein Leben kurz und knapp zusammen: „William Robinson (1838–1935) began his horticultural career as a garden boy in Ireland and ended it as the owner of over a thousand acres in Sussex.“ Mit dem Besitz in Sussex ist das berühmte Gravetye Manor gemeint, heute ein Hotel, das seinen Garten ganz im Sinne des Wild Gardeners pflegt. In den Gärten von Gravetye Manor hat der Journalist und Herausgeber mehrerer Gartenmagazine seine Idee des Gärtnerns in die Realität umgesetzt. Das Besondere daran ist, dass zwischen dem Erwerb von Gravetye Manor und dem Buch 15 Jahre liegen – und zwar in umgekehrter Reihenfolge: Erst das Buch, dann 1885 Haus und Garten!

Als Robinson Gravetye Manor kaufte, war er längst berühmt. Er hatte durch The Wild Garden Ansehen und Bekanntheit erreicht und sein Gartenmagazin Garden war bestens etabliert. Den größten Erfolg erzielte Robinson 1883 mit dem Buch The English Flower Garden. Dieses festigte seinen Ruf als bekanntester Gärtner seiner Zeit. Nach wie vor ist dieser Klassiker der Gartenliteratur in den Regalen der einschlägigen Buchhandlungen zu finden, die aktuelle Auflage ist von 1998.

Wie aber lautete nun die Grundidee von Robinson? Seine Mission war klar: Es ging ihm darum, den vorherrschenden Gartenstil der Victorianischen Zeit radikal zu bekämpfen. Er sprach sich – absolut redegewandt und oft sehr streitbar – dagegen aus, Beete mit in Gewächshäusern vorgezogenen (meist tropischen) Pflänzchen ab dem Frühjahr nach bestimmten geometrischen Formen zu bepflanzen. Im Gegensatz dazu propagierte er die damals völlig antiquierte und heute wieder beliebte Mixed Border aus winterharten Staudenpflanzen und Sträuchern; gleichzeitig sprach er sich für einen natürlicheren Look im Garten aus, schätzte Mehrjährige, Sträucher und Kletterpflanzen und verabscheute nackten Boden im Beet, dem er eine dichte Staudenbepflanzung in natürlich wirkenden Drifts und eine Unterpflanzung mit Bodendeckern entgegensetzte. Seine Idee, winterharte mehrjährige Pflanzen in besagten Drifts einfach in Wiesen, Wälder und an Gewässer zu setzen, das ist, rückblickend betrachtet, die wirklich herausragende Leistung von Robinson. Auch der erhebende Anblick großflächig verwilderter Narzissen und wilder Tulpen in Wiesen und unter Bäumen geht auf Robinson zurück. Pflanzen sich selbst zu überlassen und dem eine eigene Ästhetik abzugewinnen, das war das wirklich „wilde“ an diesem Gartenstil.

Die Ablehnung des Victorianischen beddings einte ihn übrigens mit Gertrude Jekyll. Eine Zeitgenossin und Gärtnerin, die durch ihre Arbeiten den englischen Garten nachhaltig revolutionierte. Heute ist sie dank der zahlreichen von ihr gestalteten Gärten (oft in Zusammenarbeit mit dem bekannten Architekten Edwin Lutjens – eben jener Lutjens, der die heute noch immer geschätzte „Sissinghurst-Bank“ entwarf) viel berühmter als Robinson. Damals war das allerdings anders. Robinson war der bei weitem bekanntere Gärtner, Gertrude Jekyll hingegen Autorin bei Garden und über fünf Jahrzehnte lang Gartenfreundin von Robinson. Soviel an dieser Stelle zur Biographie.

Die entscheidende Frage lautet nun aber, kann Robinsons Idee des Wild Garden Vorbild für unseren wilden Garten sein? Die Antwort lautet definitiv ja und doch auch nein.

Ja, weil Robinsons Ansatz des naturnahen Gärtnerns den verwendeten heimischen und exotischen Pflanzen die eigene Schönheit durch die Jahreszeiten zugesteht und darauf achtet, dass jede Pflanze am richtigen Platz zur perfekten Entfaltung gelangt (Ein gärtnerischer Aspekt, den später Beth Chatto auf den Punkt bringen wird: right plant, right place.).

Ja, weil die Integration von Mehrjährigen und Sträuchern in Gartenabschnitte mit Wiesen und altem Baumbestand erst die wirkliche Schönheit eines Gartens voll zur Geltung kommen lässt und einen harmonischen Übergang zur Umgebung schafft.

Und natürlich nicht zuletzt, weil einer seiner Pflanzenfavoriten Bambus war. Und der spielt hier im „Wild Gardening“ eine ganz besondere Rolle. Aber dazu an anderer Stelle in diesem Blog mehr.

Vieles, was Robinson gedacht, entworfen und gefordert hat, ist heute für Gärtner von Naturgärten absolute Grundlage des Planens und Arbeitens. Aber trotz alledem gibt es für uns leider auch ein Nein.

Nun ja, ein kleines Nein. Das liegt daran, dass Robinson bei der Gartengestaltung in Gravetye Manor mit Tausende(r)n nur so um sich schmiss: Er pflanzte Tausende von Osterglocken, Tausende Tulpen, immer und immer wieder Tausende von anderen Zwiebelpflanzen wie Blausterne und Schneeglöckchen, die die Wälder und Wiesen im Frühling in den leuchtendsten Farben erblühen ließen. Aber auch bei anderen Pflanzungen war er maßlos: 1906/7 pflanzte er 2.000 Gelb-Kiefern. Der Eindruck – nun, gewaltig! Wundervoll! Aber in einen privaten Garten heutzutage meist nicht umzusetzen.

Definitiv also ein Unterschied zu unserem wilden Garten. Das Einzige was wir bisher in Tausenderzahl vorweisen können, sind Disteln, Quecken und andere wilde Süßgräser. Der Rest kommt noch. Hopefully …

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2 Responses to Gone wild

  1. Head Gardener sagt:

    Liebe Frau Zobel,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Und toll, dass Sie mit dem Gedanken spielen, ein Stück Ackerbrache in Richtung noch mehr botanischer Vielfalt zu bearbeiten. Lassen Sie sich nicht von Quecke und Co. abschrecken! Wie haben wir es gemacht? Da Gift keine Option war, half anfangs nur ein konsequentes Mähmanagement mit anschließender Abfuhr der Mahd, sodass der Boden abmagert und das Gras zurückgedrängt wird. Das sieht in den ersten Jahren ggf. etwas unschön (da kurzgeschoren) aus, aber so kriegt man ein Übermaß an Ackerkratzdisteln und Quecken in den Griff. Ganz los werden klappt eh nicht (und ist im Falle der Disteln bei uns auch gar nicht gewollt, da sie wertvolle Nahrung für Insekten und Vögel bieten). Je mehr offene Stellen es am Boden gibt, desto einfacher haben es die Samen der Wildblumen, dort Fuß zu fassen. Wenn Sie auch nach einem radikalen Kurzschnitt gar keinen Boden sehen, sollten Sie den Boden vielleicht einmal aufbrechen (zumindest in Teilbereichen). Hierbei leistet eine Bodenfräse gute Dienste. Bei uns haben sich die Samen der Wildblumen von selbst eingestellt (bzw. haben bereits im Boden auf ihre Chance gewartet), wir haben nur sehr eingeschränkt mit Samen nachgeholfen. Sobald sich Wildblumen etabliert haben, ist es wichtig, mit dem jährlichen Mähen zu warten, bis die Samen ausgereift sind. Die Mahd lassen wir dann ein/zwei Tage liegen, bevor es wieder ans Zusammenrechen geht. Mit Kanadischer Goldrute haben wir nur in den Beeten „zu kämpfen“. Auch hier gilt für uns: Ein begrenzter Bestand ist als Bienenweide okay, muss aber durch Rausreißen überschüssiger Rhizome in Schach gehalten werden. Je nachdem, wie groß Ihre Goldrutenfläche ist, würde ich es mit Unterpflügen versuchen oder bei kleinerer Fläche mit permanentem Abmähen (irgendwann sind die Rhizome ausgelaugt). Einen definierten Bereich können Sie aber auch durch jährliches Abstechen der Rhizome (überschüssige müssen dann aber aus dem Boden raus) an den Rändern und Schnitt der Blüten vor dem Aussamen im Zaum halten.

    Zehn Jahre ist es bei uns jetzt her, seit wir einen Teil unserer Ackerfläche in gemanagte Brache und Wiesen umgewandelt haben, und wir haben es noch keinen Tag bereut. Flora (und Fauna) wandeln sich ständig und werden immer vielfältiger, ein sehr spannender Prozess. Neben Wildblumenwiesen spielen bei uns auch Stäucher und Bäume eine wichtige Rolle, um unterschiedliche Habitate anzubieten. Ganz ohne Arbeit geht es nicht, aber mit solider Gerätschaft (bei uns kommen Agria, Motorsense und z. T. Aufsitzmäher zum Einsatz) lässt sich das gut bewältigen. Und zu sehen, wie sich immer wieder neue tierische Gäste einstellen und überraschend weitere neue Pflanzen entdecken lassen, lohnt die Mühe in jedem Fall. Jede nicht versiegelte und nicht tot gespritzte Grünfläche ist ein Gewinn. Wagen Sie es!

    Herzliche Grüße

    Monika Weiß

  2. Gisela Zobel sagt:

    Dear Wild Gardeners,
    wie haben Sie es geschafft, über eine Tausenderzahl von Disteln, Quecke und anderem Herr/Frau zu werden? Wenn ich Ihre Gartenphilosophie richtig verstanden habe, haben Sie kein Gift eingesetzt. Wie dann? Wir haben die Option, neben unserem Grundstück ein Stück Ackerbrache mit eben besagten Quecken, Brennesseln und Kanadischer Goldrute zu erwerben. Noch zögere ich aus Angst vor der Herausforderung. Mit dem Spaten geht es jedenfalls nicht. Das haben wir versucht. Wie viele Jahre muss man sich geben? Ich will auch keinen Englischen Garten dort anlegen, viel wichtiger ist mir ein Stück Wiese mit Wildblumen für Hummel, Wildbiene & Co.
    Herzliche Grüße
    Gisela Zobel

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