
Alle Jahre wieder konfrontiert mich der Mai mit einem emotionalen Dilemma: Ich freue mich auf den Tag, an dem ich das erste junge Kitz im Garten entdecke (und frage mich jedes Mal, wie viele Tage ich es wohl schon dank guter Tarnung übersehen habe). Gleichzeitig bedeutet jeder Neuzuwachs in unserem Wildbestand ein weiteres hungriges Mäulchen, welches sich nach der Entwöhnung von der Muttermilch schnurstracks von der Ricke angeleitet über diverse Köstlichkeiten in unserem Garten hermachen wird. Konsequenz daraus: Keinerlei Spontankäufe mehr bei Pflanzen jeglicher Art. So kommen als Neuerwerb nur noch Stauden in die Beete, deren Art sich bei uns über Jahrzehnte als absolut deer resistant, also wildbeständig, erwiesen hat. Nicht selten eine große Willensanstrengung …

Vor seiner Neugier – gefolgt von mindestens einer kleinen Geschmacksprobe – bleibt kaum ein Grün verschont: Das Rehwild sieht unseren Garten seit Jahren als Gourmetrestaurant mit Selbstbedienung

Zu den wenigen ausgewählten Arten, die nicht auf seiner Speisekarte stehen, zählt die Gewöhnliche Akelei (Aquilegia vulgaris). Sie gehört zu den Hahnenfußgewächsen und ist dank eines Glykosides leicht giftig – vielleicht ein Schutz gegen Rehverbiss. Bienen und Co. hingegen profitieren von Nektar und Pollen. Dass Giftigkeit allein keinen Verbissschutz garantiert, zeigt sich beim Efeu: Trotz der in den Pflanzenteilen enthaltenen Saponine werden Blätter und Beeren genussvoll verspeist

Akeleien säen sich bei uns kräftig selbst aus und hybridisieren auch stark

Die Farbpalette der Blüten ist breit

Von zartem Weißrosa

Bis hin zu dunklem Rot

Und Blau

Ebenfalls vom Rehwild gemieden wird der Purpur-Kugellauch Allium ‚Purple Sensation‘. Hier sorgen unter anderem wohl schwefelhaltige Lauchöle und ätherische Öle dafür, dass den Vierbeinern der Appetit vergeht – den Insekten jedoch nicht

Absolutes No-Go für Rehe ist auch der trockenheitsresistente Balkan-Storchschnabel (Geranium macrorrhizum): Ätherische Öle sind bei dieser Pflanze der Grund für stark aromatisch duftende Blätter – sie halten die Tiere erfolgreich auf Distanz

Unser Blühfeld ist nicht nur ein beliebtes Versteck für Rebhühner und Hasen, auch die Rehe verschwinden liegend jetzt zwischen den aufgewachsenen Wildblumen- und Grashalmen. Durch die schiere Menge an Grün fällt der Verbiss im Feld nicht auf

Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys) scheint bei den Rehen allerdings nicht hoch im Kurs zu stehen. An dieser Pflanze habe ich noch nie einen abgefressenen Stängel gesehen. Über seine kriechenden Wurzeln verbreitet sie sich gut in den Wiesen

Bei den Gehölzen gibt es ebenso einige Arten, die vor Wildverbiss sicher sind (zumindest habe ich seit 2005 keinen bemerkt). Dazu zählt der Chinesische Blauregen (Wisteria sinensis): Ab Mai ist der wüchsige Kletterer über und über mit duftenden Blütentrauben geschmückt – sie üben eine magnetische Wirkung auf Insekten aus. Die Pflanze ist aber in allen Teilen stark giftig (u. a. Alkaloide und Glykoside), das behagt dem Rehwild offensichtlich nicht

Gerbstoffe und ätherische Öle in den Blättern mögen der Grund dafür sein, dass auch die Walnuss (Juglans regia) vom Wild links liegen gelassen wird. Die später im Jahr reifenden Früchte allerdings haben eine große Fanbase unter den Vögeln und Eichhörnchen